Wir alle kennen Sätze wie:

  • “Als ich in deinem Alter war, da war ich schon das erste Mal verheiratet.”
  • “Du bist ja jetzt schon fast 30, willst du denn keine Kinder haben?”
  • “Schau dir mal den Nachbarsjungen an, er hat seine Ausbildung schon fertig und wohnt sogar schon alleine.”

Also kurz gesagt: Wenn andere gewisse Dinge schon erreicht haben, wieso dauert es dann bei anderen länger. Sind sie etwa faul? Kommen nicht in die Gänge? Was ist da schief gelaufen?

Vor allem Eltern sind da manchmal etwas direkt und vergleichen gerne mit sich selber oder anderen Menschen aus dem Umfeld. Und genau das ist auch der störende Punkt. Bei all diesen Vergleichen kommt einem das Leben teilweise nur noch wie ein Wettkampf vor. Wer hat zuerst Kinder, ist zuerst verheiratet, hat das größere Haus, das teurere Auto usw. Doch so funktioniert das Leben nun mal nicht! Wir alle sind anders ausgewachsen. Haben andere Ziele und Wünsche. Haben unterschiedliche Probleme und Sorgen. Man kann nicht einfach alle in eine Schublade packen.

Wieso wird so oft verglichen und zu welchem Zweck

In der Allgemeinbevölkerung gilt man dann als erfolgreich, wenn man eine Familie hat, eine abgeschlossene Ausbildung und gutes Geld verdient. Hier wird automatisch erwartet, dass all diese Dinge auch direkt dafür sorgen, dass die Betroffenen ein glückliches und zufriedenes Leben führen. Doch wir alle kennen irgendjemanden, der viel Geld hat und dennoch einsam ist. Wir kennen Familien, die zerrüttelt und zerstritten und alles andere als glücklich sind. Wir kennen Menschen mit angesehen und gut bezahlten Berufen, welche dann aber kaum Zeit für ihre Familie oder sich selbst haben. Und genau diesen Fehler machen leider sehr viele. Viel Geld, eine Familie, einen angesehen Beruf, teure Autos – all dies macht nicht automatisch auch glücklich oder erfolgreich. Auch dann nicht, wenn man schon mit Anfang 20 eine Familie hat oder seinen Führerschein schon mit 18 in der Tasche.

Man kann auch ohne eine große Wohnung glücklich sein. Auch wenn man mit 30 keine Kinder hat, kann man dennoch ein zufriedenes Leben führen. Und auch wenn die Schwester schon verheiratet ist und man selber noch nicht, heißt dies nicht automatisch, dass sie das zufriedenere Leben führt. Es zeugt nicht von Versagen, wenn man mit 25 noch zu Hause wohnt, obwohl der Vater in diesem Alter schon sein eigenes Haus hatte. Alles kommt mit seiner Zeit. Das Ziel ist nicht, etwas als Erster zu erreichen oder schneller als die Freunde oder Bekannten.

Schaue dir die “VIP´s” an

Werfen wir den Blick doch jetzt einmal auf jene, welche quasi alles haben. Sie haben viel Geld, besitzen viele Häuser, sind weltberühmt und müssen dann natürlich auch glücklich und zufrieden sein. Doch ist es wirklich so? Wie oft liest man von Stars und Sternchen, welche in eine Klinik müssen. Viele haben Alkohol- und Drogenprobleme. Leben geschieden, haben uneheliche Kinder, Affären, wurden kriminell und sind total abgedriftet. Doch wieso musste es so weit kommen? Schließlich hatten sie ja viel Geld und viele Mitmenschen um sich herum. Liegt es vielleicht daran, dass sie nur dann Glück und Zufriedenheit empfinden können, wenn sie sich ein Auto für mehrere Millionen Euro kaufen? Bekommen sie nur dann Anerkennung, wenn sie eine Party für 100.000 Euro veranstalten? Werden sie nur dann wahrgenommen, wenn sie durch einen Skandal auf sich aufmerksam machen? Höher, schneller, weiter. Grenzen gibt es scheinbar keine.

Niemand fragt dich, ob du glücklich bist

Fragen nach Familie, Wohnung und Beruf treffen einen immer wieder. Doch schaut einmal zurück und überlegt, ob ihr jemals gefragt wurdet, ob ihr glücklich seid? Und damit meine ich nicht die Begrüßungsformel: “Na, alles klar bei dir?”, sondern ein ernst gemeintes: “Bist du momentan eigentlich glücklich und zufrieden, so wie alles läuft?”. Diese Frage kommt leider nur selten bis nie vor.

Immer geht es nur darum, gewisse Dinge möglichst schnell zu erreichen. Wichtig ist nur, was man hat und nicht, wer man ist. Schließlich leben wir ja auch in einer Konsumgesellschaft. Somit muss man auch viel besitzen, um wirklich glücklich zu sein. Und je früher man viel besitzt, desto glücklich ist man dann auch. *Ironie aus*

Ihr merkt vielleicht, dass Glück und Besitz für viele Menschen Hand in Hand gehen. Bei mir ist dies definitiv nicht der Fall. Ich bekomme kein schlechtes Gewissen, weil ich mit fast 30 nicht verheiratet bin und auch keine Kinder habe. Mir geht es auch ohne Führerschein oder eine große Wohnung gut. Denn dies ist mein Leben. Ich treffe die Entscheidungen (Verletzungen und Schicksalsschläge zählen hier natürlich nicht). Nur wenige kennen meinem bisherigen Weg. Viele wissen nicht, wie meine Kindheit war, wie die Schulzeit verlief, meine Zeit im Sportverein und natürlich auch meine vier Jahre beim Militär. Sie kennen meine Eltern nicht und wissen auch nichts über meine Erziehung. Sie wissen nicht, welche Verletzungen ich schon hatte und welche chronischen Probleme ich mit mir herumtrage. Sie wissen nicht, wie ich schlafe, wie ich esse, wie mein Alltag aussieht oder wie ich mich in dem Augenblick fühle, wenn sie mich mal sehen. Aber sie wissen eben, dass ich noch keine Kinder habe. Sie wissen vielleicht auch, dass meine Freundin und ich noch nicht verheiratet sind. Und natürlich ist dann ein Vergleich schnell geschaffen, wenn man eben nur diese Dinge mit in Betracht zieht. Aber so funktioniert das eben nicht. Leider fehlt hier vielen die Weitsicht, um genau dies zu erkennen. Wir sind hier bei keinem Wettkampf. Dies ist keine Veranstaltung, wer zu erst irgendwas erreicht hat. Das ist das Leben. Jeder schreibt seine eigene Geschichte. Jeder entscheidet so gut es gut für sich selbst, wann er bereit für Neues ist. Und ob dies nun mit 20, 30 oder 40 Jahren passiert, ist von Person zu Person nun mal unterschiedlich. Und genau das sollten unsere Mitmenschen eben auch akzeptieren und respektieren.

  • Marcus