“Na komm, ein Schluck ist doch nicht so wild!”

Wie oft ich diesen Satz gehört habe. Leider viel zu oft. Denn, ob man es glaubt oder nicht, es gibt sehr viele Menschen, die sich daran stören, wenn man keinen Alkohol trinkt. Auch meine Verwandschaft hatte mir bereits als Kind nie geglaubt, wenn ich sagte, dass ich niemals Alkohol trinken werde. Ganz im Gegenteil: sie meinten dann immer, wer als Kind diese Einstellung hat, wird mal der schlimmste Alkoholiker. Im Grunde gab es nur eine Person, die dabei immer zu mir gehalten hat: meine Mutter. Selber negativ geprägt durch Alkohol in ihrem Umfeld, wusste sie ganz genau, was der Konsum mit Menschen anrichten kann. Und das will und wollte ich ihr weder damals noch heute antun. Selbst ein Schluck wäre hier schon viel zu viel. Seit 1989 habe ich nur einen kleinen Schluck Rotwein getrunken. Dies war zur Konfirmation, während des Abendmals. Und auch nur falls es im Vorfeld hieß, dass es Traubensaft gibt. Also nahm ich, vor lauter Aufregung einen ordentlichen Schluck und stellte dann fest: oh nein! Aber da musste ich nun mal durch.

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Satz, meines damaligen Trainer: “Sportler rauchen und trinken nicht, niemals!”. Als Leistungssportler stand natürlich immer der sportliche Erfolg für mich an oberster Stelle. Daher war es auch selbstverständlich, mich an genau diese Einstellung zu halten. Jedoch wurde sie zum Ende meiner Zeit als Leistungssportler, mit 14 Jahren, noch mal stark auf die Probe gestellt. Es war zu den Weltmeisterschaften im Trampolinturnen. Als der Wettkampf zu Ende war, wollte ich mir natürlich noch von einigen Sportlern ein Autogramm holen. Als ich in der Halle niemanden antraf, schaute ich vor der Sporthalle nach und traute meinen Augen nicht. Fast jeder der Teilnehmer hatte ein Bier, eine Zigarette oder gar beides in den Händen. Ich war so geschockt, denn genau dieses Bild verstieß quasi gegen alles, was mir mein Trainer zu diesem Thema immer sagte. Daraufhin ging ich wieder zu meiner Mutter und wollte einfach nur nach Hause. Diesen Moment werde ich nie vergessen.

Eigentlich eine löbliche Einstellung lud häufig zum Mobbing ein

Während meiner Zeit im Sportverein und selbstverständlich beim Militär, gab es sehr viele Menschen, die dies als Anlass sahen, über mich herzuziehen. Da ich jedoch immer wusste, dass ich alles richtig mache, habe ich mich davon nie beeindrucken oder umstimmen lassen. Vor allem während der Militärzeit musste ich mir einiges anhören. Man hat heimlich Wodka in meine Trinkflaschen gefüllt (als ob man das nicht riechen würde), hat Bier auf mein Bett gekippt und wenn einige meiner “Kameraden” getrunken haben, durfte ich mir die fiesesten Beschimpfungen anhören. Andere wiederum machten aber auch einen auf besten Kumpel. Jedoch konnte ich dies nie ernst nehmen, da ich wusste, sind sie wieder nüchtern, bin ich der letzte Arsch. Und genau so kam es dann auch oft.

Über die Zustände zu Hause werde ich in diesem Beitrag nicht eingehen. Jedoch kann sich mit Sicherheit jeder denken, dass es auch familiär Probleme mit dem Alkohol gab. Im Grunde ist dies das Einzige, was mir mein Vater mit auf den Weg gab: wie schlecht sich Menschen entwickeln und verhalten können, wenn sie etwas getrunken haben. Die einzige Sache, die ich leider von ihm lernen durfte.

Jetzt als erwachsener Mann weiß ich, ich habe bis heute alles richtig gemacht. Ich wusste immer, ich bin im Recht, ich tue das Richtige und alle, die versucht haben mich zum Trinken zu überreden, haben nichts von dem, was ich immer sagte, verstanden. Denn nicht nur als Sportler sollte es in meinen Augen normal sein, keinen Alkohol zu trinken, sondern auch als Freund, Familienmitglied und Ehepartner. Kein Mensch sollte jemals Alkohol trinken!

Man trinkt niemals alleine

Es ist unmöglich Alkohol zu trinken, ohne andere Menschen in seinem Umfeld mit hineinzuziehen. Denn wer trinkt, verändert sich und dies wirkt sich immer auf das Umfeld aus. Egal, ob Familie, Kollegen oder Freunde: es gibt immer mindestens eine Person, welche auch darunter leidet, mal von einem selbst abgesehen. Natürlich klingt dies jetzt so, als würde jeder der trinkt, es immer übertreiben und sein komplettes Wesen ändern. Natürlich ist es nicht so. Aber seien wir doch mal ehrlich, bereits nach einem Bier merkt man doch bei vielen Menschen schon, dass sie sich plötzlich anders benehmen. Einige werden ruhiger, andere werden aufgedrehter. Der Eine wird nett, der Andere fängt an zu stänkern. Einer wird mega peinlich und jemand anderes kann auf einmal über Gott und die Welt philosophieren. Aber genau das ist es auch, was mich dann immer so extrem nervt. Ich kann nichts, was die Betroffenen dann tun oder sagen ernst nehmen, weil ich ganz genau weiß, es ist nur der Alkohol, der aus ihnen spricht. Und genau das ist es auch, was ich bei mir niemals zulassen würde. Ich möchte stets Herr über das, was ich sage und tue, sein.

Selbst vor Gericht gilt Alkohol als Schuld mindernd. Für die Opfer macht es die Situation aber kein Stück besser.

Es ist auch keine Entschuldigung zu sagen, dass man zu viel getrunken habe. Schließlich wird man von niemandem dazu gezwungen. Wir können alle selbst und frei entscheiden, ob wir Alkohol trinken wollen oder nicht… wären da nur die anderen Menschen und die Industrie nicht… Das klassische Bild im einem Film oder Roman, von jemandem der richtig Ärger oder Stress hat: er geht in eine Bar und trinkt ordentlich etwas. Als sei dies die Lösung aller Probleme. Ganz im Gegenteil. Alkohol schafft nur neue Probleme.

Es gibt immer einen Grund zum Trinken

Während vor 20 Jahren noch Silvester und Geburtstag als Anlass für ein Glas Sekt ausreichten, wird heute bei jeder Kleinigkeit die Flasche ausgepackt. Selbst Weihnachten, dem Fest der FAMILIE, ist für viele nur ein weiterer Grund, sich ordentlich die Kante zu geben. Neuerdings gilt dies auch für Ostern, wie ich kürzlich erfuhr. Neuer Job, Einzug, Erfolge jeglicher Art, Nachwuchs, Feiern deren Anlass keine Rolle spielt: für viele nur eine Ausrede, um wieder etwas zu trinken.

Sogar Veranstaltungen gibt es dazu. Ich hörte von einem “Wettbewerb”, bei dem ein Berg erklommen werden musste, samt Kiste Bier. Es mussten vier Teilnehmer pro Team an den Start gehen und der Kasten musste auf dem Weg zum Ziel geleert werden. Wer sich übergibt, schied aus. Für viele ein unvergesslicher Spaß, für mich absolut sinnfrei und bescheuert.

Aber auch hier spielt unser Umfeld und natürlich die Werbeindustrie eine wichtige Rolle. Wir kennen doch alle Werbeclips, auf denen lustige und entspannte Menschen zu sehen sind, die feiern und das Leben genießen. Sie sollen eine heile Welt propagieren, fern von allen Problemen, die der Alkohol mit sich bringt. Die Realität sieht jedoch anders aus.

Alkohol ist und bleibt eine Droge

In Deutschland sind ca. 1,5 Millionen Menschen vom Alkoholismus betroffen. Allein der Bierkonsum liegt im Schnitt bei rund 104,6 l pro Person.

Vergleicht man die Auswirkungen von Alkohol mit anderen illegalen Drogen wie Kokain oder Heroin, stellt man fest: es gibt keine Unterschiede bei den Auswirkungen auf Gesundheit und Konsumverhalten. Lediglich die Ausmaße und Dauer der Folgen sind verschieden.

Ab wann gilt man als süchtig oder suchtgefährdet (am Beispiel Alkohol):

  • man trinkt heimlich
  • man rechtfertigt seinen Konsum (Stress, Trauer, Ärger, Einsamkeit)
  • man legt Vorräte an und versteckt diese
  • man trinkt mehrmals wöchentlich oder gar täglich
  • man ist der Meinung, man hat kein Problem, obwohl die Menschen um einen herum das Gegenteil behaupten
  • Freunde, Verwandte und Familienmitglieder wenden sich von einem ab
  • bereits am Morgen oder Mittag trinkt man schon etwas
  • man verliert den Überblick über die Menge, die man konsumiert
  • Erinnerung, Appetit, Schlaf werden schlechter

All diese Punkte habe ich live miterlebt. Und dennoch haben die Betroffenen immer bestritten, sie hätten ein Problem. Die ein bis zwei Bierchen am Tag sind doch völlig in Ordnung. Dabei waren es meist sieben oder mehr. Dazu kamen noch kleine Flachmänner und Wein in Pappkartons. Leider dämmert es auch hier den Wenigsten, dass sie ein Problem haben.

Eine radikale Einstellung, die hilft

Für Einige werden meine Formulierungen mit Sicherheit maßlos übertrieben klingen. Es ist doch alles halb so wild. Das bisschen Alkohol ist doch nicht schlimm. Machen ja schließlich viele so. Aber genau das ist auch das Problem. Alkohol ist so gesellschaftstauglich geworden, dass im Grunde niemand mehr die negativen Aspekte hinterfragt. Wie oft ich schon als Spinner und Freak bezeichnet wurde… ich kann es nicht mehr zählen. Aber auch dies wird nichts an meiner Einstellung ändern. Niemals werde ich Alkohol trinken, NIEMALS

  • Marcus